To be honest – Titel und Cover dieses Buches haben mich erst mal gar nicht angesprochen, deshalb ist das Buch erst mal ziemlich lange auf meinem Schreibtisch gelegen. Kaum hab ich mich der Lektüre hingegeben, war ich allerdings nur mehr im Flow und begeistert und kann es von Herzen weiter empfehlen:

An Frauen, die an einem Deep Dive in die so wichtige Phase der Wechseljahre interessiert. An Frauen, die nicht nur an den hard facts des Zusammenspiels der unterschiedlichen Hormone interessiert sind, sondern auch oder noch viel mehr an den vielen emotionalen Prozessen, die dadurch in Gang gesetzt werden. Wie gehen wir möglichst souverän um mit den ständigen Wechselbädern der Gefühle?

Reflexion.
Erschöpfung.
Neuausrichtung.
Dauerschuldgefühle.

Woher kommt eigentlich der Stress?

Die Biochemikerin Libby Weaver fasst in ihrem Buch „The Rushing Woman’s Syndrom“ über weiblichen Dauerstress und seine Auswirkungen so zusammen: „Erst seit relativ kurzer Zeit arbeiten Frauen in Berufen, die lange ihren Vätern vorbehalten waren, ohne jedoch die Aufgaben ihrer Mütter abzugeben. Das Ergebnis ist vielfach eine andauernde Doppelschicht.“ Nie zuvor habe sie so viele Frauen erlebt, die verzweifelt versuchen, allem und jedem gerecht zu werden. Frauen seien in ständiger Anspannung und hätten das Gefühl, dass die Zeit niemals reicht und die To-do-Liste niemals abgearbeitet ist.

Die Autorin erläutert unterschiedliche Methoden, den Stress wegzuatmen oder auch mentale Übungen zur „Soforthilfe bei Mental Overload“. Diese vielen praktischen Teile machen das Buch Seite für Seite zu einer guten, verständnisvollen Zuhörerin, die lösungsorientiert auf die zeitgenössischen Bedürfnisse von Frauen in den Wechseljahren eingeht.

Selbstwirksam zu sein heißt, Einfluss zu nehmen – in kleinen Schritten, durch Grenzen, die man setzt, durch Pausen, die man sich nimmt, durch bewusste Entscheidungen für das, was man übernehmen kann und will.

Sehr passend fand ich etwa auch „Die zehn besten Sätze, um Nein zu sagen, ohne Nein zu sagen“, die ich gerne mit Euch teilen möchte:

  1. „Ich bin schon voll ausgelastet, aber meine Gedanken sind bei dir.“
  2. „Das Problem haben Sie ja schon mal gut erkannt – jetzt fehlt nur noch die Person, die es löst.“
  3. „Ich kann das gern übernehmen – allerdings verschiebt sich dann mein anderes Projekt nach hinten. Passt das für Sie?“
  4. „Danke für die Anfrage, aber meine Therapeutin hat gesagt: höchstens ein Burn-out pro Jahr.“
  5. „Ich habe gerade ein radikales Projekt am Laufen. Arbeitstitel: Nichts Neues anfangen.“
  6. „Das Projekt klingt wichtig – können wir gemeinsam priorisieren, was dann dafür liegen bleiben darf?“
  7. „Klingt nach einer wunderbaren Gelegenheit für jemanden mit mehr Begeisterung, als ich gerade aufbringen kann.“
  8. „Ich liebe dich, aber nicht genug, um beim Umzug die Waschmaschine zu tragen.“
  9. „Ich sag für diesen Sonntag ab – damit ich nächstes Mal wieder richtig Lust auf euch habe.“
  10. „Vielen Dank, dass du an mich gedacht hast. Klingt super, aber ich habe gerade eine strikte „Keine neuen Pläne“-Regel, um die alten auch wirklich zu genießen.“

Grygoriew erläutert die unterschiedlichen Ausprägungen der Selbstkritik vom „Guilt Gap“, der Frauen viel schneller und öfter zu Scham- und Schuldgefühlen treibt als Männer. Oder auch die große Suche zu sich selbst, die uns womöglich zu den „possible selves“ bringt zwischen „hoped-for self“, „expected self“ und „feared self“.

Es geht nicht um die Metamorphose der eigenen Person. Es geht darum, das man selbst entscheiden kann, welche Version von sich selbst, die man eh schon im Kopf hat, man stärken und ihr mehr Raum geben möchte. Identität in der Lebensmitte ist nicht das, was man wird. Sie ist das, was man wiederfindet und zulässt.

Ein wirklich gelungenes Selbsthilfe-Buch für die wertvollen Jahre der Erneuerung in der Lebensmitte. Voller Zweifel, aber auch voller Möglichkeiten.

Nina Grygoriew:
Ausflippen. Anleitung für einen Ausnahmezustand. Kneipp Verlag Wien 2026.